Meine Trainingsphilosophie – Warum gute Pferdeausbildung für mich lange vor dem Reiten beginnt

Jennifer Reupke • 19. August 2026

Wenn wir über Pferdeausbildung sprechen, denken viele ziemlich schnell ans Reiten.


Takt. Losgelassenheit. Anlehnung. Ausbildungsskala.


Vielleicht auch an bestimmte Lektionen oder daran, was ein Pferd in welchem Alter bereits können sollte.


Für mich beginnt Pferdetraining aber viel früher.


Noch bevor ich darüber nachdenke, wie ein Pferd unter dem Reiter läuft, möchte ich wissen: Versteht es überhaupt meine Kommunikation? Vertraut es mir? Kann es seinen Körper bewusst einsetzen? Und haben wir eine Basis, auf der alles Weitere aufbauen kann?


Genau deshalb beginnt mein Trainingsweg nicht mit der Ausbildungsskala.



Er beginnt mit der Basis.

Mein Steckenpferd ist die solide Basisarbeit

Über die Jahre hat sich meine Trainingsphilosophie immer weiterentwickelt. Unterschiedliche Pferde haben mir unterschiedliche Dinge beigebracht und mich immer wieder dazu gebracht, meinen eigenen Weg zu hinterfragen.


Drei Werte sind dabei geblieben:


Trust · Respekt · Harmony


Vertrauen entsteht für mich durch Klarheit und Verlässlichkeit.


Respekt bedeutet nicht Härte, sondern einen fairen Umgang miteinander und klare Grenzen.


Und Harmonie kann ich nicht erzwingen. Sie entsteht dann, wenn Pferd und Mensch beginnen, einander wirklich zu verstehen.


Genau darauf baut meine Basisarbeit auf.


Denn bevor ich von einem Pferd Tragkraft, Anlehnung oder bestimmte Lektionen verlange, möchte ich ein Fundament schaffen, das diese weitere Ausbildung überhaupt tragen kann.


Dafür habe ich meine Basisarbeit inzwischen in drei Bereiche gegliedert:


Kindergarten → Vorschule → Grundschule


Und nein, damit meine ich nicht einfach das Alter des Pferdes.

Der Kindergarten – wir lernen uns kennen

Im Kindergarten starte ich grundsätzlich mit jedem Pferd, das neu zu mir kommt.


Viele der Inhalte kennt man auch unter dem Begriff „Fohlen-ABC“. Trotzdem kann auch ein erwachsenes Pferd hier beginnen, wenn wichtige Grundlagen fehlen.


Bevor ich überhaupt etwas verlange, beobachte ich zunächst.


Wie reagiert das Pferd auf mich?


Ist es neugierig und zugewandt? Ist es eher desinteressiert? Unsicher? Vielleicht sogar ängstlich?


Je nachdem kann mein erster Schritt bereits darin bestehen, noch gar kein Halfter mitzunehmen, sondern zunächst Kontakt aufzunehmen.


Denn ich möchte mit einem Pferd arbeiten, das sich mir zuwendet und grundsätzlich Interesse an unserer gemeinsamen Arbeit entwickelt.


Erst darauf bauen Dinge wie Aufhalftern, Berührungen am ganzen Körper, Hufe geben, Putzen und erste Führübungen auf.


Das Pferd lernt zu folgen, Abstand zu halten, rückwärtszugehen und nach und nach auch gemeinsam mit mir seinen gewohnten Bereich zu verlassen.


Noch geht es dabei gar nicht um große körperliche Leistungen.



Es geht um die erste gemeinsame Sprache.

Die Vorschule – der eigene Körper kommt ins Spiel

In der Vorschule wird aus dieser Kommunikation langsam mehr Körperarbeit.


Jetzt kommen beispielsweise das Weichen von Vor- und Hinterhand, Nachgiebigkeit in der Bewegung oder erstes Schenkelweichen vom Boden hinzu.


Stangen, Baumstämme, unterschiedliche Untergründe und kleine Trailaufgaben helfen dabei, den eigenen Körper bewusster wahrzunehmen und einzusetzen.


Je nach Alter und körperlicher Entwicklung kommen auch erste Longiereinheiten in den verschiedenen Grundgangarten hinzu.


Gleichzeitig erweitern wir den gemeinsamen Radius. Vielleicht geht es mit einem sicheren Begleitpferd erstmals vom Hof.


Planen, Fahnen und andere Gegenstände können kennengelernt werden.


Longiergurt und später Reitpad bereiten schließlich auf das vor, was als Nächstes kommt.


Die Vorschule bedeutet für mich vereinfacht:


Mein Pferd kennt unsere grundlegende Kommunikation, und lernt jetzt, immer bewusster mit seinem Körper darauf zu reagieren.

Die Grundschule – die Basis kommt in den Sattel

Die Grundschule beginnt bei mir frühestens mit einem entsprechend entwickelten dreijährigen Pferd. In vielen Fällen lohnt es sich, länger zu warten. Entscheidend ist für mich nicht allein das Alter, sondern ob das einzelne Pferd körperlich und mental bereit dafür ist.


Nun bereiten wir das Pferd Schritt für Schritt auf den Reiter vor.


Einparken an der Aufstiegshilfe, erstes Überlegen über den Rücken, Gewöhnung an Sattel und Gewicht und schließlich das erste Aufsitzen gehören dazu.


Und dann passiert etwas, das mir in meiner Ausbildung besonders wichtig ist:


Wir beginnen unter dem Reiter nicht wieder bei null.


Ich greife auf das zurück, was das Pferd bereits vom Boden gelernt hat.


Nachgiebigkeit wird von oben abgefragt. Die ersten Schritte kommen hinzu. Bremse und Lenkung werden verständlich aufgebaut und gefestigt.


Nach und nach entwickeln wir das Ganze weiter, bis das Pferd in allen drei Grundgangarten auf großen geraden und gebogenen Linien geritten werden kann.


Auch die Gewöhnung ans Gebiss gehört für mich in diese Phase. Die Nachgiebigkeit am Gebiss erarbeite ich zunächst vom Boden und übertrage sie anschließend auf die Arbeit aus dem Sattel.


Später kommen in kurzen Reprisen erste Stellung und Biegung hinzu.


Dabei geht es mir noch nicht darum, möglichst schnell möglichst weit zu kommen.


Mein Ziel für den Abschluss der Grundschule lautet:



Takt · Losgelassenheit · Nachgiebigkeit

Und wo bleibt die Anlehnung?

Vielleicht ist dir aufgefallen, dass in meiner Aufzählung ein bekannter Punkt der klassischen Ausbildungsskala fehlt:


die Anlehnung.


Das ist ganz bewusst so.


Gibt es während meiner Basisarbeit deshalb überhaupt keine Anlehnung?


Doch.


Aber ich arbeite in dieser Phase bewusst anders damit und fordere sie noch nicht stetig und dauerhaft ein.


Mir ist zunächst wichtig, dass das Pferd versteht, am Gebiss weich nachzugeben und auf feine Hilfen zu reagieren. Dabei können selbstverständlich Momente leichter Anlehnung entstehen.


Warum ich diese Unterscheidung so wichtig finde und welchen Trainingsgedanken ich damit verbinde, ist allerdings ein eigenes Thema.



Darauf werden wir noch genauer eingehen.

Nach der Grundschule verzweigt sich der Weg

Ist die Basis gefestigt, beginnt für mich die eigentliche weiterführende Ausbildung des Reitpferdes.


Und ab diesem Moment gibt es nicht mehr den einen richtigen Weg.


Soll das Pferd klassisch weiter ausgebildet werden? Bleibt es im Westernbereich? Geht es Richtung Dressur, Springen, Reining, Trail, Horsemanship, Ranch Riding, Wander- oder Distanzreiten?


Oder möchte jemand überhaupt keine bestimmte Disziplin verfolgen, sondern einfach einen gesunden Freizeitpartner haben, mit dem er ausreiten und ein wenig auf dem Platz arbeiten kann?


All diese Ziele stellen unterschiedliche Anforderungen.


Und genau deshalb möchte ich gar nicht behaupten, sämtliche Wege danach abzudecken.


Mein Steckenpferd liegt davor.



Bei der Basis, die möglichst viele dieser Wege überhaupt erst möglich macht.

Gute Ausbildung zeigt sich für mich nicht an der Anzahl der Lektionen

Mein Ausbildungsziel ist ein zuverlässiger, verlässlicher und sicherer Freizeitpartner.


Ein Pferd, das fein auf Hilfen reagiert.


Das gelernt hat, seinen Körper sinnvoll einzusetzen.


Das motiviert mit dem Menschen durchs Leben geht.


Und dessen Grundlagen so sicher sind, dass nicht ausschließlich ein erfahrener Trainer mit ihm zurechtkommt.


Deshalb beeindruckt mich ein Pferd nicht automatisch, nur weil es viele schwierige Lektionen beherrscht.


Wenn im täglichen Umgang die Grundlagen fehlen, Hilfen nicht zuverlässig funktionieren oder immer wieder kleine Probleme entstehen, lohnt sich für mich zuerst der Blick zurück.


Zur Basis.


Denn dort beginnt für mich gute Pferdeausbildung.


Und das Schöne daran:


Wir können jederzeit dorthin zurückkehren.


Egal, wie alt ein Pferd ist. Egal, wie weit seine Ausbildung bereits fortgeschritten ist. Und egal, welches Ziel irgendwann einmal auf dem Plan stand.


Manchmal ist der wichtigste Schritt im Training nicht der nächste nach vorne.


Sondern noch einmal zurück zu dem Fundament, auf dem alles andere steht.


Trust · Respekt · Harmony



Und eine solide Basis, die trägt.

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